Veranstaltungen

Kaffeehaus – Samstags in der Bibliothek

  • 16.02.2019 16:30 Uhr

«Am Abend fließt die Mutter aus dem Krug» ist der Debütroman der in Lugano geborenen Autorin Virginia Helbling. Aus der deutschen Übersetzung liest die Schauspielerin Silvia Planzer.

Silvia Planzer

Das Kaffeehaus ist eine gemeinsame Veranstaltung der Stadtbibliothek und der ZHB. In der neuen Reihe greifen wir die schöne Tradition der Kaffeehauskultur auf und präsentieren lebendige Literaturerlebnisse in entspannter Bibliotheksatmosphäre. Kaffee und Kuchen inklusive. Freuen Sie sich auf die Begegnung mit Autorinnen, Autoren, auf neue Bücher, aufs Zuhören und Plaudern nach der Lesung. Wo: In der Stadtbibliothek. Wann: 16:30. Preis: 10 Fr.

Virginia Helbling erzählt in ihrem Roman «Am Abend fließt die Mutter aus dem Krug» die Geschichte einer Frau, die die Geburt ihres ersten Kindes als heftigen Eingriff in ihr Leben erlebt. Eine Zäsur, die alles verändert und einen neuen Lebensentwurf verlangt. In einem bewegten Erzählrhythmus wechseln Szenen in der beengenden Wohnung mit Spaziergängen in der Natur. Das italienische Original "Dove nascono le madri" wurde 2015 mit dem ersten Premio Studer/Ganz per la migliore opera prima ausgezeichnet und erschien 2016 im Verlag Gabriele Capelli. Die deutsche Übersetzung ist im Luzerner Verlag Edition Bücherlese erschienen.

Die Autorin
Viriginia Helbling wurde 1974 in Lugano ­geboren. Sie studierte Literatur und Philosophie an der Universität in Fribourg und arbeitete als Journalistin. Sie ist Mutter von sechs Kindern und lebt in Gorduno.

Die Übersetzerin
Jacqueline Aerne, geboren 1964, ist freischaffende Übersetzerin. Sie wuchs in Ascona auf und lebt heute in Basel. Sie hat in Basel und Bologna Italianistik und Kunstgeschichte studiert, war Assistentin und danach Lektorin für Italienische Literatur, mit Schwergewicht moderne und zeitgenössische Lyrik sowie literarische Übersetzung. Jacqueline Aerne ist Präsidentin des Verbandes Autorinnen und Autoren der Schweiz AdS.

Die Sprecherin
Aus der deutschen Übersetzung liest die Schauspielerin Silvia Planzer


Zum Roman
Der Titel des italienischen Originals heisst: Dove nascono le madri, also: Wo die Mütter geboren werden. Ein sprechender Titel, plastisch und metaphorisch zugleich. Ein Titel, der – wie sich erweisen wird – den vorliegenden Roman und die Stilistik der Autorin in wenigen Worten vorwegnimmt und die Lesenden in seiner ganzen Doppeldeutigkeit gleich mitten in den Prozess einer mühevollen Mutterwerdung katapultiert. Entgegen landläufiger Meinungen sind Mütter nicht per se Mütter, sobald die Nabelschnur durchtrennt ist. Auch Mütter kommen zur Welt – durchaus in der doppelten Bedeutung dieser im Schweizerdeutschen gebräuchlichen Wendung –, nur werden sie nicht ent-, sondern gebunden, wenn es gut geht, verbunden und das gleich lebenslänglich. Eben von diesem «Zur-Welt-kommen» und den Mühen sich als Mutter-Mensch neu zu (er-)finden, erzählt Virginia Helbling in ihrem ersten Roman, der – wird er laut und zweisprachig gelesen (das italienische Original und die deutsche Übersetzung) –, seine Qualität umweglos übermittelt. Dass im Zentrum des Romans eine Musikerin steht, der Vater des neugeborenen Kindes Musiker ist, bedeutende Passagen des Romans quasi musikalisch unterlegt sind und die Musik in diesem Roman überhaupt eine Schlüsselrolle spielt, scheint nicht von ungefähr zu kommen. Konsequent spiegelt sich die Musikalität auch in der sprachlichen Durchdringung und Aneignung des Stoffes.

Die Autorin, selbst Mutter von sechs Kindern, weiss, wovon sie spricht und wir können annehmen, dass sie ihr Thema aufs Genaueste kennt. Dieses genaue Hinsehen, das sorgfältige Ausleuchten der Erzählräume und das scharf Stellen der Erzähllinse, das Fokussieren auf mitunter kleinste Details des Alltäglichen macht eine weitere Stärke dieses Debuts aus, das mit grosser sprachlicher Raffinesse die Geschichte einer Frau erzählt, die die Geburt ihres ersten Kindes als heftigen Eingriff in ihr bisheriges Leben als Musikerin erlebt. Eine existenzielle Erfahrung, die sich zur Zäsur steigert, die alles verändert und ihr einen neuen Lebensentwurf abverlangt. Nur stellt sich dieser Entwurf nicht ohne weiteres ein. Er muss gegen äussere und – was womöglich bei weitem mehr zählt – innere Widerstände errungen werden. Gefragt ist also nichts weniger als die Bewältigung einer manifesten Identitätskrise. Aber bringen wir, die Leserinnen und Leser, die Geburt eines gesunden Kindes mit erschütternden Krisenerfahrungen in Verbindung? Wohl eher nicht. Eine kleine Hormonbedingte Irritation, das schon, dann aber modellieren Zuversicht und Beglückung die Wunschbilder. Heiter lächelnde Mütter sind auch Jahrzehnte nachdem in den 1980er Jahren feministische Autorinnen kritische Auseinandersetzungen mit tradierten Mutterbildern vorantrieben, wieder sehr en vogue.  Die Sehnsucht nach der in sich ruhenden, entspannten, sich liebevoll zuwendenden Mutter ist resistent und ubiquitär. Wer wollte das ernsthaft bestreiten? Umso mutiger ist Virginia Helblings Buch, mit dem sie sich weit vorwagt. Vom Hochglanz einschlägiger Mutter-und-Kind-Publikationen ist da nichts zu finden. Im Gegenteil – hier lässt eine Autorin ihre Leserinnen und Leser an einer riskanten Suchbewegung teilhaben, an der Vermessung eines unbekannten, oft unwegsamen Terrains.

Obwohl auch diesem Anfang ein Zauber innewohnt – so geht der Anfang doch einher mit der zutiefst schockierenden Erfahrung, das alte Selbst ein für allemal verloren zu haben. „Ich werde nie mehr die sein, die ich war“, heisst es im Text – und „die Zeit mit Helena ist ein leerer Raum“. Diesen Raum zu erobern, zu möblieren, wohnlich zu gestalten, ist ein schwieriger und Kräfte raubender Prozess.

Schonungslos beschreibt die Ich-Erzählerin nicht nur die ersten Stunden nach der Niederkunft und die Veränderungen an ihrem Körper. Schonungslos bleibt der Duktus dieser Erzählung, die in fünf Kapiteln ein Jahr der grossen Veränderungen abschreitet. Mal laut und anklagend, dann wieder leise, selbstkritisch und zurückgenommen. Und während das erste Jahr vergeht, das Kind wächst, eine Liebe geht, eine Liebe kommt, die Natur den wiederkehrenden Rhythmus von Werden und Vergehen durchläuft, verändert sich auch die Protagonistin, die sich schliesslich der Herausforderung eines neuen Lebens stellt. „Was auch immer ihr über mich sagen werdet, ist mir schnurzegal. Ich habe mich entschlossen. Ich werde meinen Spuren folgen ...“

Das italienische Original wurde 2015 mit dem ersten Premio Studer/Ganz per le migliore opera Prima ausgezeichnet und erschien 2016 im Verlag Gabriele Capelli. Seit dem vergangenen Jahr liegt auch die deutsche Übersetzung von Jacqueline Aerne vor, die der ambitionierte Luzerner Verlag Edition Bücherlese in schon gewohnt sorgfältiger Ausführung herausgebracht hat.      Ina Brueckel

 

/ ib

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