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WILF – Der König, der aus dem Eis kam

Ein Beispiel dafür, dass eine bibliothekarische Informationsrecherche auch abstürzen und zu Ergebnissen führen kann, die sich eigentlich niemand wünscht.

Ja, richtig gelesen, der Typ heisst Wilf und ja, richtig, er kommt aus dem Eis, aus richtigem geforenem Eis. Doch beginnen wir ganz von vorne. Im vergangenen Semester gab es bei der Professur für Philosophie an der Theologischen Fakultät Luzern ein Seminar zum Thema der Cyborgs. Die ZHB hat wie immer mitgeholfen, die Literatur für den Handapparat zum Seminar zusammen zu stellen. Da man im Seminar auch historisch gearbeitet hatte, mussten einige Werke antiquarisch besorgt werden. Es ging um Pionierleistungen des Transhumanismus, abenteuerliche Versuche von Visionären an der Grenze zwischen Naturwissenschaft und Fiktion, Arbeiten aus den 50er bis 80er Jahren aus den USA.

Da wäre z.B. das futuristische Werk Up-Wingers von F.M. Esfandiary, der laut Buchdeckel von sich behauptet:

I am Universal. I translive all over the planet. [...] Consider all children as mine also. Neither Right nor Left – I am Up. I have no age. Am born and reborn every day. I intend to live forever.

Oder auch dessen späteres Werk Are You A Transhuman?, diesmal unter dem neuen Namen FM-2030, den er auf dem Buchdeckel wie folgt erklärt:

I am a 21st-century person who was accidentally launched in the 20th. I Have a deep nostalgia for the future. [...] The name 2030 reflects my conviction that the years around 2030 will be a magical time. [...] In 2030 we will be ageless and everyone will have an excellent chance to live forever.

Der heutige Transhumanismus ist klar gemässigter und realistischer, dafür waren die Pioniere von damals leidenschaftlicher und religiöser. Das Ziel war das ewige Leben. Das Problem ist nur die Zeit. Wenn die Technik, die ewiges Leben verleiht, erst in der Zukunft erfunden wird, wie gelangt man unbeschadet in diese Zukunft? 

Hier tritt Robert C.W. Ettinger auf den Plan mit seinem Vorschlag, den er 1967 in seinem Buch The Prospect of Immortality interdisziplinär diskutiert: Durch den Einsatz der Kryotechnik soll es möglich werden, den menschlichen Organismus einzufrieren, auf dass er in ferner und besserer Zukunft unbeschadet wieder weiter leben kann.

Toll, dass die ZHB nun dieses Buch auch im Bestand hat! Doch damit nicht genug. Antiquarisch erworbene Bücher haben immer etwas Geheimnisvolles an sich, sie haben eine unbekannte Geschichte, von der man durch Hinweise nur selten etwas erahnt. Beim Buch von Ettinger gibt es glücklicherweise einen solchen Hinweis. Es handelt sich um einen schlecht ausgeschnittenen, völlig vergilbten und nur noch knapp angeklebten Zeitungsfetzen, der nach Bleistiftangabe auf der Rückseite aus der Ausgabe des "Daily Mirror" vom 24. Januar 1967 stammt. Auf der Vorderseite steht die Meldung:

WILF WANTS TO BE FROZEN ALIVE

Twenty-five-year-old Wilfried Laurig wants to be frozen alive for fifty years... to aid scientific research.

Wilfried, from Frankfurt, West Germany, thinks he might be thawed out and restored to life when the world is "a better place".

Bam! Die Recherche läuft schon. Wer ist dieser Wilf? Die erste Spur führt uns auf XING, wo sich Wilf als König Roland I. von Atlantis, einem gewaltfreien Staatswesen vorstellt. Der virtuelle Staat ist auf Wikipedia zu finden mit 0km2 Staatsfläche sowie einer Einwohnerzahl von ca. 0-70'000 Staatsangehörigen. Der Staat selbst war anscheinend ehemals auf einer verstaubten 90er-Jahre-Website installiert, ist jetzt aber nur noch in toten Links präsent. Im Reich scheint es Umstürze, Verschwörungen, Doppelherrschaften und Finanzskandale gegeben zu haben. Irgendwann in letzter Zeit hat sich das Königtum von Wilf auf die physische Realität ausgebreitet. Auf Youtube ist tatsächlich ein Video zu finden, auf dem Wilf zum König Roland I. von Atlantis und Helgoland gekrönt wird. In vollem Ernst, mit Kirche, Priester, Gemeinde, königlichen Insignien und zweistimmigem "Swing Low, Sweet Chariot" mit Begleitung eines E-Pianos der Marke Roland. (Die PC-Maus sträubt sich, hier die entsprechenden Links zu setzen.)

Fazit der Geschichte:

  1. Ganz offensichtlich hat Wilfs Einfrier-Projekt nicht funktioniert. Bei seiner Krönung sieht er nämlich eindeutig alt aus.
  2. Nicht immer führt eine bibliothekarische Informationsrechereche zu brauchbaren Ergebnissen. Im Gegenteil, sie kann genau so gut abstürzen. Aber auch das Scheitern kann man einmal dokumentieren...

 

/ Marc Bayard

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